Weder Skandal, noch Vorbild – Warum die SPD an der Umbenennung des Albert-Schäfer-Wegs festhalten will

Weder Skandal, noch Vorbild – Warum die SPD an der Umbenennung des Albert-Schäfer-Wegs festhalten will

„Es ist an der Zeit, dass wir uns alle miteinander mal ruhig und sachlich mit dem Thema Albert Schäfer auseinandersetzen“, stellt Natalia Sahling, die Co-Vorsitzende der SPD-Fraktion Harburg, fest. „Sich wechselseitig ideologische Gründe vorzuhalten, bringt uns alle nicht weiter und wird vor allem der Tragweite des Verfahrens nicht gerecht.“
Der Albert-Schäfer-Weg in Eißendorf ist eigentlich recht unscheinbar, keine 300 Meter lang, Reihen- und Doppelhäuser aus der zweiten Hälfte der 2000er Jahre, eine Spielstraße. Doch beschäftigt gerade dieser Weg seit Jahren die Harburger Bezirksversammlung.

Benannt ist der Weg seit 2003 nach Dr. Albert Schäfer. Die Erläuterungen auf dem Straßenschild weisen darauf hin, dass Schäfer (1881-1971) Vorstandsvorsitzender der Phoenix AG und nach dem Krieg Präses der Handelskammer war. Zudem sei er maßgeblich an der friedlichen Übergabe Hamburgs an die Engländer zum Kriegsende 1945 beteiligt gewesen.
So weit, so gut. Doch im Februar 2022 veröffentlichet die vom Senat eingesetzte Kommission zum Umgang mit NS-belasteten Straßennamen in Hamburg ihren Abschlussbericht. Darin taucht unter zwölf zur Umbenennung empfohlener Namen auch Albert Schäfer auf. Bei weiteren drei Straßen wird die Rückbenennung in ihren früheren Namen und für elf wird zumindest eine kritische Kontextualisierung empfohlen.

Mitglieder der Kommission zum Umgang mit NS-belasteten Straßennamen waren Dr. Rita Bake, stellv. Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung a. D., Prof. Dr. Detlef Garbe, Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen, Senatorin a.D. Christa Goetsch, Senatorin a.D. Dr. Herlind Gundelach, Prof. Dr. Rainer Nicolaysen, Vorsitzender des Vereins für Hamburgische Geschichte, Prof. Dr. Miriam Rürup, Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam (bis Dezember 2020: Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg), Staatsrat a.D. Hans-Peter Strenge und Prof. Dr. Malte Thießen, LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte.

In Ihrem Resümee lautet es : „Schäfer war als Vorstandsvorsitzender verantwortlich für den Zwangsarbeitereinsatz bei den Phoenix-Werken. Mit den Zweigwerken in Riga und Prag, in denen jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, beteiligte sich das Unternehmen aktiv an der nationalsozialistischen Ausbeutungspolitik in den besetzen Gebieten in Osteuropa. Schäfer betrieb die „Arisierung“ der gemeinsam mit seinem jüdischen Geschäftspartner Max Goldschmidt gegründeten Firma Metallgummi GmbH und leistete nach 1945 erst Wiedergutmachung, als Goldschmidt diese erstritt.“

Nun stehen sich in der Bezirksversammlung Harburg zwei Seiten gegenüber. Auf der einen Seite die Fraktionen von SPD, Grünen und der Linken, die eine Umbenennung befürworten und entsprechende Anträge dazu gestellt haben. Auf der anderen Seite CDU, Volt, FDP, AfD und fraktionslose Abgeordnete, die an dem Namen festhalten wollen und die Anträge jeweils abgelehnt haben.

Errata: in der ursprünglichen Fassung haben wir fälschlicherweise auch Volt hier mitbenannt. Das ist nicht zutreffend. Wir bitten, diesen Irrtum zu entschuldigen. (16.09.2026)

Die Position der SPD formuliert deren kulturpolitische Sprecherin Okşan Karakuş: „Die Entscheidung der Bezirksversammlung, die Umbenennung des Albert-Schäfer-Wegs und der Gaiserstraße abzulehnen, ist nicht nur bedauerlich, sondern mit den Grundwerten einer verantwortungsvollen demokratischen Erinnerungskultur kaum vereinbar. Sie verkennt die historische Belastung der Namensgeber und läuft Gefahr, Täterperspektiven weiterhin im öffentlichen Raum sichtbar zu halten, anstatt den Opfern gerecht zu werden.“

Von dem Fraktionsvorsitzenden der CDU, Rainer Bliefernicht, lautet es hingegen: „Im Zuge der erneuten öffentlichen und politischen Diskussion um die Straßennamen Albert-Schäfer-Weg und Gaiserstraße in Harburg ist festzustellen, dass die Verstrickungen der jeweiligen Namensgeber in die Politik der Staatsführungen umstritten sind.“ Was wohl wiederum auf einer schriftlichen Intervention des Sohnes von Albert Schäfer beruht. Weiter führt Bliefernicht an: „Gleichzeitig ist bei möglichen Umbenennungen zu berücksichtigen, dass diese nicht nur behördliche Änderungen nach sich ziehen, sondern für die Anwohnerinnen und Anwohner sowie für die dort ansässigen Unternehmen mit erheblichem organisatorischem und finanziellem Aufwand verbunden sind. Dazu zählen unter anderem Adressänderungen, Anpassungen von Ausweisdokumenten, Verträgen, Geschäftspapieren sowie Einträgen bei Behörden und Dienstleistern. Ob und in welchem Umfang entstehende Kosten von öffentlicher Seite übernommen werden könnten, ist derzeit offen und fraglich.“ Mit dieser Begründung lehnten CDU und ihre Unterstützer den letzten Antrag zur Umbenennung in der Bezirksversammlung ab.

„Eigentlich war da Verfahren schon längst festgelegt und auch die Kostenübernahme ist geklärt“, kontern die Genoss:innen. „Die Bezirksversammlung hatte schon im Jahr 2022 beschlossen, den Albert-Schäfer-Weg umzubenennen und im Jahr 2023 die Verwaltung gebeten, eine öffentliche Informationsveranstaltung zu einer Umbenennung des Albert-Schäfer-Wegs durchzuführen, zu der öffentlich eingeladen werden soll“. Dazu sollten die Anwohner und Anwohnerinnen des Albert-Schäfer-Wegs persönlich eingeladen werden. Ebenso der Historiker Dr. Sebastian Justke, Verfasser der Studie ‚Ein ehrbarer Kaufmann? Albert Schäfer, sein Unternehmen und die Stadt Hamburg 1933–1956‘. Zudem hieß es in dem Beschluss: „Ferner soll über die Auswirkungen einer Umbenennung auf die Anwohnenden informiert werden. Zudem können ggfs. bereits Ideen für eine Umbenennung gesammelt werden. Vorstellbar wäre eine Kommission aus Anwohnenden, Bezirkspolitik und Historikern, die Namensvorschläge z.B. aus dem Bereich der in den Phoenix-Werken beschäftigten Zwangsarbeiterinnen entwickelt.“
„Leider ist das trotz des Beschluss der Bezirksversammlung auch drei Jahre danach nicht geschehen“, so Karakuş. „Deshalb fragen wir das Bezirksamt gerade, warum das bislang nicht umgesetzt wurde, wie der Sachstand ist und wann wir mit der Veranstaltung rechnen können. Es ist an der Zeit, hier wieder Rationalität in das Verfahren zu bringen und mit Fakten zu einer vernünftigen Entscheidung zu kommen.
Albert Schäfer hat durch sein Handeln zur Stabilisierung des Nazi-Regimes beigetragen und daher wissen können, dass er damit den Mord an Millionen Menschen billigend in Kauf nimmt. Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Kommunisten und viele mehr – ja auch Sozialdemokraten – verschwanden in den KZ des Nazi-Regimes und wurden bestialisch gefoltert, entrechtet und ermordet.“
Es gehe laut der SPD bei Albert Schäfer jedoch nicht um eine der NS-Größen, sondern um jemanden, der aktiv profitiert hat – ohne ein expliziter Anhänger der Ideologie zu sein. Es sei nicht mehr zeitgemäß, wegzuschauen oder „Profit um jeden Preis“ (Arisierung, Zwangsarbeit etc.) zu akzeptieren. Zugleich tauge der Fall Schäfer aus ihrer Sicht nicht als „Skandal“. Es gehe nicht darum, eine der bedeutenderen Figuren in der Hamburger Nachkriegszeit von seinem vermeintlichen Sockel zu stoßen und die Erinnerung an ihn zu tilgen. Es gehe schließlich nicht nur um „gut“ oder „böse“, sondern dass die Benennung insbesondere von Straßennamen immer auch sehr gegenwärtig sei: „An wen wollen wir uns heute erinnern? Und wer passt zu unserem Wertekanon? Ein Albert Schäfer passt heute einfach nicht mehr dazu.“

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